Orientierung in neuer Normalität

Nach dem grossen Boom folgten für die Velobranche turbulente Jahre. Je länger diese andauern, desto geringer ist die Hoffung auf eine Rückkehr zum früheren Geschäftsrhythmus. Willkommen in der neuen Normalität!

Mehr als fünf Jahre sind vergangen, seit der Veloboom der Pandemie den Branchenerfolg explodieren liess. Und seit mehr als drei Jahren ist die Velobranche nun damit beschäftigt, sich von diesem Rausch zu erholen. Was sich in dieser Zeit ereignet hat, schien unvorstellbar, bis es geschah: Die Vorräte überstiegen zwischenzeitlich den Absatz einer ganzen Saison. Ware wurde in erheblichen Stückzahlen unter dem Selbstkostenpreis ver-kauft. Lieferanten rissen die Preise ihrer eigenen Produkte herunter und griffen damit nicht nur in Verkaufshoheit ihrer Handelspartner ein, son-dern setzten auch ihre eigene Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Tonangebende Unternehmen verschwanden oder versanken in der Bedeutungslosigkeit, während Newcomer entgegen allen Markttrends raketenhaft aufstiegen.

Keine Ruhe auch im laufenden Jahr

In diesen drei Jahren veränderten sich Regelmässigkeiten, Spielregeln und der Umgang miteinander innerhalb der Branche. Verunsicherung und Misstrauen übernahmen, wo zuvor Berechenbarkeit und Verlässlich-keit herrschten. An eine Erholung des Markts und an eine Rückkehr zum vertrauten Geschäftsverlauf war in dieser Zeit kaum zu denken, obwohl beides von der Branche sehnlichst herbeigewünscht wurde. Eine erste Zwischenbilanz der Saison 2026 und ein Ausblick auf das darauffolgende Jahr deuten nicht darauf hin, dass in näherer Zukunft die Ruhe wieder einkehren wird – leider.

Einige waren gierig, alle zahlen den Preis

Leider muss man auch sagen, dass die Velobranche diese Misere zu grossen Teilen selbst verschuldet hat. Rückblickend kann man sagen, dass der Veloboom am Anfang dieser Entwicklung eine Gierigkeit und Selbstbezogenheit geweckt hat. Dafür zahlen Velohersteller und Veloverkäufer nun einen hohen Preis – oder lassen andere für ihre Fehleinschätzungen von Nachfrage, Preisgestaltung und Produktentwicklung bezahlen. Und leider muss man auch feststellen, dass einige Firmen aus diesen Fehlern noch nicht genug gelernt haben. Mit ihren Antworten auf die aktuellen Herausforderungen der Branche sorgen sie nur dafür, dass sich diese als neue Normalität festigen.

Zurück zur Kundschaft

Die geringste Schuld trifft die Velofahrenden. Sie wollen einfach gute, zuverlässige, praktische und komfortable Velos und Elektrovelos fahren und dabei Spass haben, so wie eh und je. Dass sie nun den besten Preis im Markt nachfragen, kann man ihnen nicht verübeln. Denn die Branche hat sich in der letzten Zeit auch sehr viel Mühe gegeben, ihnen diesen offensiv anzubieten. Velofahrende sind in der neuen Normalität der si-chere, berechenbare Wert, auf den sich die Branche verlassen kann. Wenn wir uns an ihnen orientieren, können wir selbst auch wieder mehr Spass am Velo und an der Arbeit mit ihm finden.

Editorial zum Marktbulletin 2026

Dieser Text erschien als Editiorial zum Marktbulletin Velohandel Schweiz 2026. Die alljährliche Studie misst den Erfolg der Schweizer Velobranche und ihrer verschiedenen Produkte und Dienstleistungen. Das Marktbulletin kann ab sofort hier bezogen werden in digitaler oder gedruckter Ausführung

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